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Schwer mit Akten beladen und mit ernstem Gesicht trat der Marabu zu den Delegierten aus der ganzen Tierwelt, die sich in der Thing-Lichtung versammelt hatten. Die Eule, die in diesem Jahr den Vorsitz innehatte, bat um Ruhe, begrüsste neben allen Tieren die Vertreter des Pflanzen- und des Mineralreichs, aber auch ganz besonders Promethea, die einzige anwesende Menschin, die mit grossen Augen in die Versammlung blickte und sich immer wieder vergewisserte, dass ihr geflügelter Begleiter Pegasus, der sie hierher gebracht hatte, noch neben ihr stand. Er nickte ihr beruhigend zu und wandte sich dann wieder nach vorn, wo die Eule gerade dem Marabu das Wort erteilte.

Dieser hub an: „Liebe Freunde aus allen Kontinenten! Vor einem Jahr habt ihr mich beauftragt, Wissenswertes in Erfahrung zu bringen über den Umgang der Menschen mit dem Feuer, das Prometheus den olympischen Göttern vor rund dreitausend Jahren gestohlen hatte. Heute nun sind wir zusammengekommen, um darüber zu befinden, ob die Menschen das Feuer den Göttern zurückzugeben haben oder nicht. Was ich gesammelt habe, ist eine belastende Fülle von Beispielen des Missbrauchs des Feuers durch die Menschen. Sie nutzten es meistens zur Zerstörung. Sie brannten Wälder nieder, Savannen und Steppen; manchmal aus Unachtsamkeit, oft aus Boshaftigkeit, Machtgier, Missgunst oder einfach aus reiner Vernichtungswut. Sie zündeten sich gegenseitig ihre Häuser und Felder an, ja sie bauten riesige Verbrennungsanlagen mit dem einzigen Zweck, dort ihre Artgenossen umzubringen. Auch der Umgang der Menschen mit uns Tieren wurde mit dem Feuer immer seelenloser, überheblicher und zeigt einen geradlinigen Niedergang vom Respekt der Ureinwohner Amerikas, die jedes Tier noch anfragten, ob sie es zur Ernährung ihrer Familien erlegen und braten durften, bis zum heutigen Tiefpunkt, wo sie Tiere in Massen produzieren, nur um sie in riesigen Schlachthöfen maschinell zu töten, zu zerteilen, abzupacken, in ihre Supermärkte zu karren und dann halbgefressen in den Tellern der verfetteten Zweibeiner verfaulen zu lassen und wegzuwerfen.“

Der Marabu hielt kurz inne und blickte in die Runde um sich zu vergewissern, dass seine Anklage auch die erstrebte Wirkung erzielte. Als er den Spatz aufgeregt mit dem Nilpferd tuscheln sah, fuhr er etwas lauter fort: „Aber nicht nur das äussere Feuer, wie es in unserer Thing-Lichtung lodert, sondern auch das innere Feuer des Geistes, die Intelligenz, mit der sie sich so gerne brüsten, wurde fast ausschliesslich zu missbräuchlichen Zwecken eingesetzt. Wir alle verfügen ja auch über dieses innere Licht, jeder von uns in der ihm gemässen Art. Wir nutzen unseren Geist um das uns gemässe Leben im Einklang mit dem Leben aller andern, mit dem Leben unseres Planeten und des ganzen Universums führen zu können, da wir immer und in allem, was wir denken und tun auch wissen, dass alles mit allem verbunden ist. Der Mensch aber scheint dies als einziges Wesen vergessen – oder nie gewusst? – zu haben. Er setzt seine Geistesgaben ein, um sich die ganze Natur zu unterwerfen, sich gegenseitig zu bekämpfen, Macht und Reichtum zu erlangen und sich diesen wieder abzujagen. Die Fähigkeiten seines Herzens hielten nie Schritt mit den immer raffinierteren Ausgeburten seines berechnenden Hirns. Schliesslich gipfelte die Kombination des äusseren mit dem inneren Feuer in der Entwicklung von immer wirksameren Feuerwaffen, mit denen sie heute imstande sind, alles Leben auf unserem Planeten nachhaltig zu vernichten. Dies alles spricht ganz klar dafür, die Menschen zu verpflichten, das Feuer zurückzugeben!“

Der Marabu genoss das Echo seines Anklagerufs, das von den Felswänden rund um die Thing-Lichtung zurückgeworfen wurde: ‚…zurückzugeben, …zugeben, …geben, …eben…‘ und fuhr dann etwas milder fort: „Es gab aber auch einige wenige lobenswerte Fälle in diesen über dreitausend Jahren, wo einzelne erstaunlich entwickelte Menschen das Feuer helfend für andere Wesen benutzten, andere wärmten, nährten und versorgten. Menschen, die auch ihre Geistesgaben für ihre Mitwesen, auch für Tiere, Pflanzen, Berge und Gewässer einsetzten. – Doch es waren Wenige, die in dieser langen Zeit Tropfen der Achtsamkeit auf den heissen Stein von Machtgier und Schuld träufelten“ schloss der Marabu etwas gar pathetisch seine Anklage und kam sich ziemlich wichtig vor, ja er glaubte, einem historischen Moment beizuwohnen, in dem er, der Marabu, den andere wegen seines Äusseren immer wieder etwas belächelten, eine ganz zentrale Rolle spielte.

Promethea wäre am liebsten im Erdboden versunken, derart schämte sie sich für ihre Artgenossen. Sie hatte in der Schule und zuhause unzählige Male gehört, der Mensch sei das höchste Wesen auf Erden, die Krone der Schöpfung, und es stehe im heiligen Buch, er solle sich die Erde untertan machen. Sie hatte zwar schon oft an diesen überheblichen Sätzen gezweifelt, aber dass man die Menschen statt als höchstes auch als das niedrigste Wesen anschauen könnte, als eine behinderte Kreatur, die ihre Verantwortung in keiner Weise wahrnahm – diese Sicht war ihr neu und es durchzuckte sie heiss, als sie merkte, dass sie den Vorwürfen des Marabus nichts Brauchbares entgegenzusetzen hatte.

Da meldete sich der Schnee-Wolf zu Wort und fragte mit tiefer, etwas heiserer Stimme: „Und wie willst du die Menschen zur Rückgabe des Feuers zwingen? Man müsste sie ja regelrecht ausrotten, denn freiwillig geben sie wohl weder das äussere noch das innere Feuer her?“

Eine schrecklich hübsche Dünengazelle stellte sich – ihrer Eleganz bewusst – vorteilhaft ins Scheinwerferlicht, das der Koala-Bär vom Leuchtturm aus geschickt dirigierte, und sprach die bedeutsamen Worte: „Und wenn es noch gelänge, sie auszurotten – wäre das nicht auch wieder ein gewaltiger Missbrauch, diesmal von unserer Seite aus?“

Die Eule nickte bedächtig und der Marabu wollte gerade antworten, als die freche Buschratte kühl einwarf: „Dann warten wir doch, bis sie sich selbst ausrotten. Ist die Wahrscheinlichkeit nicht ziemlich gross, dass irgendeiner dieser lächerlichen Diktatoren aus einem Schwellenländchen oder so ein dummdreist-bärtiger Taliban mal ‚Tore weit!‘ und ‚Bahn frei!‘ schreit – und auf den matchentscheidenden Knopf drückt?“ Der Spatz kicherte. Endlich glaubte er, einmal einen Witz auf Anhieb verstanden zu haben.

Der Delphin gab, nassglänzend auf einem Stein im grossen Teich liegend, zu bedenken: „Wenn alles mit allem verbunden ist, so sind wir doch auch mit den Menschen verbunden? Dann würden wir mit dem Ausrotten der Menschen ja einen Teil von uns selbst, vom grossen Selbst zerstören. Und wir würden Gleiches mit Gleichem vergelten, begäben uns auf ihren Entwicklungsstand hinunter. Müssen wir nicht viel eher einen Schritt nach vorn machen, die Menschen lehren und in die Verbundenheit zurückführen?“

Der Adler schaute gebieterisch in die Runde und sprach: „Ist es denn den heute lebenden Menschen überhaupt anzulasten, dass ihre Ahnen das Wissen von den kosmischen Zusammenhängen über Generationen verdrängten, unterdrückten und schliesslich vergassen? Sind die Menschen überhaupt schuldfähig in dieser Sache? Und wäre Schuld nicht Voraussetzung dafür, dass Strafe überhaupt ihren Zweck erreicht?“ Jetzt wird wohl niemand mehr an meiner rechtsphilosophischen Kompetenz zweifeln, dachte sich der Adler, eigentlich ja lächerlich, den schäbigen Marabu mit Fragen zu betrauen, die seinen Horizont doch ganz offensichtlich überstiegen…

Die Giraffe meinte zum Adler gewandt: „Wir haben ja eine Menschin unter uns, lieber Adler.“ Nun drehte sie sich, streckte ihren langen Hals in Prometheas Richtung und fragte in etwas altkluger Weise, die ihre langjährige Lehrerfahrung verriet: „So sage uns, Menschenkind: Wusstest du um die Gesetze des Kosmos, um die Illusion der Zeit, des Raums, der Kausalität und des Abgetrenntseins? Hast du je davon gehört, dass alles mit allem verbunden ist? Dass es in Wirklichkeit kein ‚höher‘, kein ‚oben‘, kein ‚besser‘ gibt, sondern nur farbenprächtige Vielfalt, und dass auch diese Vielfalt letztlich eins ist? Hast du gewusst, dass du jederzeit Zugang hast zu dieser Einheit, zu diesem Erlebnis des Verbundenseins, wenn du dich ins Jetzt, in die Präsenz, in die völlige Gegenwart begibst? Oder hörst du das alles zum ersten Mal? – Überlege dir die Antwort gut. Du hast gehört, wie viel davon abhängt.“

Promethea spürte plötzlich ein starkes Licht auf sich ruhen, sie brach in Schweiss aus, lief rot an und räusperte sich. Da spürte sie die nahe Gegenwart von Pegasus, atmete einmal tief durch und sagte: „Ich habe einiges von dem, was du sagtest, schon verschiedentlich geahnt, habe gespürt, dass es so sein könnte. Aber wenn ich anderen Menschen nur schon davon erzählte, dass ich die Sprache von euch Tieren verstehe, wurde ich ausgelacht. So erzählte ich niemandem von den Erlebnissen der Verbundenheit, von den Gesprächen mit dem Bach vor unserem Haus, der immer überall ist und doch ständig fliesst. – Ich war hin und her gerissen in meinen Gefühlen. Die Erlebnisse mit dem Bach machten mich glücklich – aber ich wollte doch auch sein wie die andern, ich wollte verstanden werden von meinen Eltern, Geschwistern und Freunden. – Ich kann nicht sagen, dass ich wusste um die Gesetze des Kosmos, wie du, liebe Giraffe, sie soeben geschildert hast. Aber ich kann auch nicht sagen, dass mich das Gehörte völlig überrascht. Ich ahnte etwas; ich hatte einen Zipfel davon in den Händen – und heute, jetzt, beginne ich ganz langsam zu erkennen, dass ich nicht übergeschnappt bin. Ihr alle gebt mir die Gewissheit, dass meine Ahnungen nicht ganz falsch waren. Ich danke Euch!“

Ein zustimmendes Raunen ging durch die Versammlung, einzelne Bravo-Rufe kamen von den Bäumen, in denen sich Hunderte von Vögeln angeregt unterhielten, bis sich der Marabu wieder Ruhe verschaffte: „Das ist schön und gut, dass wenigstens ein Menschenkind etwas begriffen zu haben scheint. Aber was ist eines angesichts der Milliarden, die den Planeten überziehen wie eine Plage, eine Seuche, die sich epidemisch ausbreitet und deren Ableger wie Krebszellen auf dem Körper von Mutter Erde wuchern?“

Protestrufe wurden laut an verschiedenen Stellen der Thing-Lichtung und die Eule hob beschwichtigend ihre Flügel. Der Marabu merkte, dass er etwas zu weit gegangen war in seinem Vergleich. Etwas moderater fuhr er fort: „Es ist ja nicht an uns, das Urteil zu vollstrecken. Wir können nur bei den Göttern einen Antrag stellen, dass sie den Diebstahl des Feuers durch den Urahnen dieser Menschin“ – und er zeigte genüsslich auf Promethea – „endlich rückgängig machen, damit auf der Erde wieder mehr Ruhe einkehrt und wir nicht länger unter dem Damokles-Schwert der totalen Vernichtung unseres Planeten leben müssen. Prometheus wurde zwar bestraft damals für seine Freveltat, aber das Diebesgut beliessen die Götter den Menschen!“ schloss der Marabu mit missbilligendem Kopfschütteln.

Da erhob Pegasus sein würdiges Haupt und sprach mit klarer, fester Stimme: „Freunde, braucht es wirklich einen Antrag unsererseits? Wollen wir die Beantwortung dieser schwierigen Frage nicht den Göttern überlassen? Ich bin bereit, mit Promethea und all den vom Marabu in verdienstvoller Weise gesammelten Akten zum Olymp zu fliegen und euch den weisen Ratschluss der Götter zu überbringen.“

Zustimmendes Gemurmel machte sich breit, bis die Eule ebenfalls ihr Einverständnis kundtat und den beiden den Segen für ihre Mission erteilte. Promethea dankte Pegasus mit einem stillen Nicken und war froh, dass der etwas rot angelaufene Marabu nicht mitkam auf die Reise. Nur die Aktenberge mussten sie in ihre Satteltaschen stopfen und der Marabu achtete genau darauf, dass sie kein Blatt liegen liessen und die Taschen windsicher verschlossen waren.

Obwohl die Ungewissheit Promethea anfänglich belastete, konnte sie den Flug mehr und mehr geniessen. Es war herrlich auf dem Rücken von Pegasus. Seine lange flatternde Mähne mischte sich mit ihren schwarzen Locken und sie spürte seine gewaltigen Muskeln, die sich bei jedem Flügelschlag hoben und senkten. Die verschiedensten Düfte erschnupperte sie – am stärksten aber war der Geruch des Meeres, das sich im Abendlicht glänzend unter ihnen weitete.

Die Zeit verging im Fluge, und als sich der imposante Olymp am Horizont abzeichnete, beschlich wieder ein Gefühl der Beklemmung die eben noch so glückliche junge Frau. Was, wenn die Götter nun wirklich auf der Rückgabe des Feuers beharrten? Würde sie die Gegenwart der Olympier als gewöhnliches Menschenkind überhaupt ertragen? Würde Zeus sie stellvertretend für die ganze Menschheit mit seinem Blitz versengen? – Doch es blieb keine Zeit mehr für das Ausmalen all dieser Schreckensvorstellungen, denn Pegasus setzte bereits zur Landung an am Fusse des legendären Göttersitzes. Offenbar hatte man sie erwartet, denn kaum hatten Pegasus‘ Hufe den Boden berührt, erschien auch schon Hermes, ein unglaublich attraktiver junger Mann mit Flügelschuhen – eine Sekunde lang glaubte Promethea sogar, das Nike-Zeichen auf den Flügeln entdeckt zu haben – , und geleitete sie ins Innere des imposanten Bergs.

Durch ein Portal mit Rundbogen erreichten sie den grossen Ratsaal. Promethea war hin und weg – nicht wegen des Prunks, sowas kannte sie bestens von Menschen-Gebäuden, sondern wegen der Gelassenheit, dem Charme, aber auch der Normalität, mit der hier die ihr bislang nur aus den homerischen Epen bekannten Götter herumstanden, sich unterhielten, miteinander lachten, einander zuprosteten mit ihren Kelchgläsern.

Nach der ersten Verwirrung versuchte sie sich zu orientieren: Der mit dem Helm, der langen, gebogenen Nase und dem überheblichen Lächeln musste wohl Ares sein – oder musste man ihn mit dem lateinischen Namen anreden, also ‚Mars‘? ‚Herr Mars‘ klang allerdings dämlich, ‚Gott Mars‘ mindestens so bescheuert – ob er wohl Mars-Riegel vertilgte?

Wow! Die blendende Schönheit mit den sinnlichen Lippen und der kurvigen Figur – kein Zweifel: Aphrodite! Vergiss Angelina Jolie, Keira Knightly und Scarlett Johannsen, dachte sich Promethea und musste unwillkürlich schmunzeln.

Aber auch George Clooney konnte abdanken, wenn man sich Apollon anschaute. Der brauchte keinen Nespresso um wach dreinzuschauen. Er hatte sie auch schon entdeckt und kam mit ruhigen, vollendet schönen Schritten auf sie zu.

„Was verschafft uns die Ehre, o dunkel gelockte Mylady?“

Promethea war knallrot angelaufen und stotterte: „O edler…“ – Herrgott soll ich jetzt ‚Herr‘ oder ‚Gott‘ sagen? – „…Gott Apollon, es geht um das Feuer, das mein Urahn Prometheus einst hier entwendete und…“

„Ja, ich entsinn‘ mich; es stand auf der Liste fürs Treffen ganz oben.

Wer hätt‘ gedacht, dass Prometheus, der Schlaue, im Voraus Wissende

uns einen Spross von so schönem Wuchs und Gemüt entsendet.

Dies allerdings, junge Dame, macht uns die Sache nicht leichter!“,

sprach voller Charme der huldvoll lächelnde Phöbus Apollon, der

Gott und geleitete sie zum Gast-Sitz inmitten des Saales.

Suchend schaut sie sich nun nach Pegasus um, doch dieser war

stehen geblieben am Eingang und nickt ihr nun wohlwollend zu.

Plötzlich verstummt das Palaver, Bewegung erfasst die Gesellschaft.

Ohne Getöse war Zeus eingetreten, der Höchste der Götter

klug war sein Blick, doch auch sinnenfreudig und gleichwohl gelassen,

gut war gebaut dieser herrliche Mann in mittleren Jahren.

Einladend winkt er den Göttern sich um Promethea zu scharen.

Diese erschrickt, da sie jählings bemerkt, dass sie ohne die Akten

Alles trägt ihr geflügeltes Bast-Ross. Rasch springt sie auf, doch der

Herrscher, der allgewaltige Zeus spricht besänftigend zu ihr:

„Keine Hast, Promethea, so lass diese Last, wo sie ist. Ich

kenne den Inhalt genaustens und weiss jedes Wort, jede Zahl. Denn ich

war ja dabei, habe alles erlebt, jeden sengenden Brand, jeden

tödlichen Schuss, jeden bösen, verheerenden Geistesblitz eines

Menschen in dreitausend Jahren. Es geht heute nicht um Beweis – denn

Beweis ist erbracht, erdrückend und schwer. Es geht, junge Frau, um die

Zukunft, das Los deines Menschengeschlechts. Der Entscheid, der fällt heute und

hier, denn ich muss verantworten Gestern, Heute und Morgen.

Ich habe damals entschieden, das Feuer den Menschen zu lassen, den

Dieb nur zu strafen, doch nicht auch zurück zu fordern gestohlenes

Gut. Wie leicht wär‘ es damals gewesen, es wieder zu holen, be-

vor es in jeden Winkel der Erde sich frass, in Windes-

eile den Siegeszug durch die Lande antrat und die Menschen mit

seiner Hilfe die Chance erfassten, sich gegen uns zu er-

dreisten – und diese Chance auch tatkräftig nutzten. Was meint ihr, Ge-

fährten? Soll’n den Versuch wir verlängern? Ist es genug? Wäget

ab, was dafür spricht, was eher dagegen?“ Also sprach Zeus zu den

Göttern im Saale, der Herrscher, der unergründlichen Rat weiss.

„Langweilig wäre es, fürchterlich öde und blöde und still, wenn die

Menschen kein Feuer mehr hätten, ganz ohne Waffen und Rüstung,

ohne Ideen zum Kriege. – Was für ein biederes Leben

ohne Gefahr, ohne Abenteuer und Lust, nur risiko-

frei Vegetieren! Rundherum nette, fade, linke und

bleichgesichtige Softies, gewürzloser Einheitsbrei. Dreimal

Nein!“ rief Ares, der Herr aller Krieger scharf in die Runde „dann

doch noch viel lieber ein Feuerchen mehr und ein Krieglein zu viel, ein Ge-

dankenblitz mit ’ner Prise ins Böse – was soll’s. Es fällt ja doch

immer und hart wieder auf den Erfinder zurück. Heraklit hat es

doch schon erkannt und gesagt: ‚Polemós panton patër‘ – ‚Der

Krieg ist der Vater von Allem, und Allem auch König!‘ – Der Mann hat’s be-

griffen. Denn Angriffslust ist der Ursprung des Lebens. Gaffen und

Warten reicht nicht. Das Anpacken, Handeln, Gestalten und Formen des

Ichs, der Andern, der Welt – das heisst Schmieden des eigenen Glücks! Und zum

Glück gehört Leid, zur Wollust der Schmerz, zum Sieg der Verlust, die Ver-

letzung, zum Leben der Tod. Wenn das nicht mehr ist, dann Gut-Nacht, denn da

bleibt nur ein Haufen Dementer, stumpf vor sich hin stierend, leer in den

Herzen, bar jeder Leidenschaft, hirn- und bewegungslos, nutz-, phanta-

sielose Opfer, Empfänger, hohl wie die Köpfe die bettelnden

Pfoten, vollendet verblödet dämmern die Deppen dem Ende ent-

gegen, von keinem bemerkt, von keinem beklagt, auch von keinem er-

sehnt verschwinden sie lautlos im Abfluss der Zeit.“ Also löschte der

waffenstarrende Ares den Brand seiner Rede mit Kälte.

Mohn im glänzenden Haar erhob sich Demeter, die Göttin der Frucht, und

sprach mit weicher, warmer, wohlklingender Stimme: „O Zeus, Ge-

liebter, hör‘ nicht auf Ares, den kindisch säbelnden Rassler.

Anpacken kann man, den Boden bebauen und Früchte ernten auch

ohne des Feuers unbeherrschbar sengende Gluten.

Wie du auch selbst unzählige Male erfuhrst, ist das Licht des

Feuers auch nicht für das Zeugen von menschlicher Frucht vonnöten.“

Säuerlich lächelte Zeus bei der Anspielung Demeters auf seine

vielgestaltige Kunst, mit erlesenen Damen – meist jung und

hübsch! – die Gattung des Halbgotts ins Leben gerufen zu haben.

Strafend, auf Rache sinnend ereilt‘ sie der Blick seines Weibs, der

mässig berauschenden Hera. Doch schmunzelnd fuhr Ceres nun weiter:

„Äusseres Feuer erhellt oft zu grell den Ort des Geschehens!

Ebenso ist das kalte Licht des berechnenden Geistes

Liebe in all ihren Formen nicht hold. O grosser Gebieter,

Ares, den Wildgewordnen, lass spielen am Feuer der Schmiede,

Glut zu schüren lehr‘ diesen Machbarkeits-Junkie Hephaistos,

leuchtendes Eisen zu formen, zu biegen das Weichgewordene

Harte, zu basteln sich Waffen zum Spiel und Rüstung zum Spasse.

Menschen aber halt ferne vom Feuer. Noch sind sie nicht reif!“ So

sprach die üppige Reife, die rundungsreiche Demeter.

Da erhob sich Phoibos Apollon, der Lichtumkränzte

– eben noch still in der Harfe sich spiegelnd ein Brauenhaar zupfend -,

„Holde, für’s Kopulieren mag gelten, was du uns schilderst.

Offenbar ist dein Anspruch nicht hoch an die Fruchtbarkeitsakte:

Rein mit den Samen, Regen darüber, raus mit den Früchten?“

Leicht irritiert hielt der Blonde rasch inne, vermisste nur kurz der

Runde Gekicher und fuhr dann unbeirrt weiter mit leicht ver-

ächtlichem Flügeln der Nase, der edlen und wohlgeformten:

„Hat es jedoch mit Kultur zu tun, das Geschehen, so braucht es

lichtere Köpfe, erhellt vom Funken des Geistes. Auch die

Liebe ist Kunst – und Kunst kommt von Können, nicht etwa von Wollen,

Sicherlich nicht kommt Kunst vom simplen Trieb der Natur. – Und

weiter bedenke, o Ceres: der Blitz des Gedankens braucht richtiges

Feuer um sichtbar zu werden. Wie sonst wird die Schüssel, die Vase,

der Krug mit deinem Abbild gebrannt? Doch lass uns zur Liebes-

kunst die Expertin befragen, nicht wahr, Aphrodite, du Schönste der

Schönen?“ sprach der Charmeur mit dem spöttischen Zug um den Mund und

reichte das Wort seiner göttlichen Schwester, der strahlenden Venus, der

wohlgeformten und blühenden Göttin der Liebe und Lust.

Matt und lasziv mit dem Fächer sich Frische gewährend gab ohne zu

zögern den Ball nun zurück die locker gewandete Venus:

„Klugster der hellen Hellenen, Apollon, mein Bruder, für einmal

scheint mir dein Denkgebäude doch etwas gar holzig zu sein.

Wollen wir nicht – kultiviert, wie wir sind – die unzähligen Arten, die

Formen und Qualitäten von Geist unterscheiden? Zumindest das

Kreative, Phantastische, ungewohnt Überraschende,

Helle des Geistes, dessen es immer bedarf für die Akte der

Schöpfung jedweder Art, möchte ich abgegrenzt wissen vom

dunkelroten blutrünstigen Mordbubengeist, der unseren

Ares umtreibt, den wilden, kindlichen Gott aller Krieger, den

ewig schon pubertierenden. Doch genau so geschieden

sei das gestaltend-verschmelzend-kreierende Licht vom eiskalten

Geist der Berechnung, der nicht über ‚Facts and Figures‘ hinaus zu

denken vermag. Mein Antrag, o Weisester aller Gebieter, mein

Vater, wäre mithin, auf Erden für wachsende Liebe in

all ihren Formen zu sorgen, so, dass das wärmende, leuchtende

Feuer – das innere so, wie das äussere – mehr zum Zuge denn

kommt. Rabiater Entzug allen Feuers hingegen – nein! Weit-

ab von charmant, ja pathetisch und auch etwas lächerlich wäre ein

solches Verdikt.“ So schloss die schaumgeborene Venus, die

prachtvolle Göttin der Liebe ihr Reden und um ihre schön ge-

schwungenen Lippen spielte ein Lächeln, das, so fand Prome-

thea, von den Sterblichen nur Romy Schneider besass.

Kaum da sich Venus, die Schöne, in ihren luziden Gewändern ge-

setzt, schon polterte Gischt zerstiebend Poseidon, der Herrscher der

Meere, mit Ungestüm los: „Wurst und egal ist es mir, ob es

uncharmant sei oder sonst dem erles’nen Geschmack von euch fein-mani-

kürten Stadtganoven und –tussis nicht passt. Die Probe-

zeit ist vorbei und durchgerasselt durch jedwede Prüfung der

Mensch! Denn diese Barbaren verstinken, versauen mit ihren Mo-

toren die Meere, sprengen die wohlgestalteten Meeres-

böden und unterird’schen Gebirge. Rücksichtslos ver-

miesen sie meinen Meeresbewohnern das Leben mit ihren

Funksignalen unter den Wassern – alles entsprungen den

superklugen feurigen Hirnen und Hintern, alles sind

Folgen des einstmals geklauten, so harmlos scheinenden brennenden

Scheits! Und falls du jemanden brauchst, der das Urteil vollstreckt: dann

zähle auf mich!“ also knurrte der zornige Meeresgebieter Po-

seidon und wedelte wütend mit seinem Dreizack herum.

Stolz erhob sich nun Pallas Athene, die Jungfrau, die Kluge, wie

immer zum Rat, in vollem Ornate gekleidet, und sprach mit

spöttischer Stimme zum zornigen Meeresbeherrscher Poseidon:

„Schütte das Kind nicht aus mit dem Bade, Gebieter der Meere.

Kriegst du es nicht auf die Reihe, in deinem Bereiche Ordnung zu

halten und Frevler zu strafen, so ist dies noch lange kein Grund, gleich

tabula rasa zu machen, den Menschen die wachsende Klugheit – von

mir in stetem Bemühen mundgerecht eingeträufelt! – und

das für alles Gestalten so wichtige Feuer zu nehmen, das

einst mein gerissener Freund Prometheus sich holte, den Menschen die

Chance zu geben, empor sich zu ranken aus düsterer Dumpfheit.“ Zum

Donnerer Zeus gewandt, dessen wohlgestaltetem Kopfe sie

einstmals entsprang, hub sie an, die Kühle, mit sicherer Stimme:

„Nein, edler Vater, allmächtiger Zeus, der ewigen Rat weiss,

lass uns nicht mitten im wichtigen Werke die Waffen jetzt strecken.

Eben erst hat begonnen das reizvolle  Opus magnum, die

unbedarften Bewohner der Erde zur Weisheit zu führen!“

Also rief die behelmte Göttin mit klirrender Rüstung.

Artemis aber sprang auf mit federnder Frische, die sehnige

biegsame Göttin der Jagd und sprach mit eiliger Stimme:

„Du vergisst, liebe Göttin der Stadt und der Menschen, die Tiere des

Waldes. Von ihnen stammt diese Bitte, der Wunsch, ja der Antrag, den

heute der edle geflügelte Pegasus uns überbrachte.

Schauet, dort steht er und voll sind die Taschen mit Schreckensberichten von

scheusslichem Frevel, von Missetaten der Menschen, begangen an

Gaia, der Mutter von allen und allem, begangen an all ihren

Kindern, den Tieren und Pflanzen, den Steinen, Bergen und Seen, den

Winden und Wolken. Erwäge gut, allmächtiger Herr aller

Blitze, o Vater, wie du das von dir geschaff’ne Geschlecht nun

bändigen mögest, auf dass auch in Zukunft an Früchten und Farben

reiche Felder und Wälder das Herz von uns allen erfreuen.“

Also sprach Diana, die ledergewandete Starke, die

Botschafterin aller Tiere und Seele der Wälder zu ihnen.

Endlich erhob sich nun der allgewaltige Donnerer

Zeus, der unvergänglichen Rat weiss und sprach zur versammelten

Schar der Götter die folgenden Worte: „Wohl habt ihr alle ge-

sprochen, ein jeder auf seine Weise, von seinem Standpunkt, aus

seiner Sicht die Frage beleuchtet. Nun aber lasst uns das

Beste gewinnen aus allem, den Kern der Frage ergründen:

Wie viel Freiheit – und welche – ist dem Menschen gemäss, der da

haust auf der Erde, geschaffen von DEINEM Ahnen Prometheus!“ mit

Schmunzeln wies Zeus auf die junge schöne Menschin inmitten des

Saals, Promethea, „und nicht von mir, wie du mir, liebe Tochter

Artemis vorhin im grossen Eifer des Spiels unterschobst.“

Purpurrot ward die grünbekränzte Göttin der Jagd nach dem

munteren Spott ihres Vaters. Doch dieser fuhr ungerührt weiter und

sprach: „Er schuf sie nach unserem Bilde, doch sterblich und halbschlau, in

Wenigem andere weit überragend, in Vielem stumpfer als

Pflanze und Tier. Doch der Kern dieses Wesens ist Freiheit, so scheint mir.

Frei ist der Mensch zu entscheiden, zu wählen aus grosser Palette, zu

schaffen sich eigene Welten, eigene Wirklichkeiten mit

eignen Gesetzen. Nehmen wir ihm diese Freiheit, so nehmen wir

alles, den Kern, die Substanz dieses zwittrigen Wesens, das sonst so

Vielem ermangelt. Es fehlt ihm das Wissen des Herzens, das alle auf

Erden sonst eint: dass alles mit allem verbunden. Es fehlt ihm die

Demut der übrigen sterblichen Wesen, sich einzufügen ins

Reich der Gesetze des Alls, in harmonische Schönheit des Kosmos, der

über ihm schwebenden Ordnung. Es fehlen ihm innere Mitte und

sicheres Mass, es fehlen ihm Wurzeln und Richtung in allem, der

Sinn für das ihm Gemässe, für Schranken des Wollens und Tuns.

Freiheit ist es, was bleibt, die Freiheit nach allem zu suchen, zu

forschen, zu streben, was fehlt. Doch dazu bedarf er des Lichts, braucht er

Helligkeit, Feuer, den Blitz des Gedankens, Erleuchtung des Herzens.

Ja, er wird weiterhin scheitern, wird morden und sengen, zerstören.

Missbrauch der Freiheit, Missbrauch des Lichts, er wird weiter versuchen, un-

sterblich zu werden, zum Gott sich zu krönen, wird weiter gieren nach

meinem Zepter und Thron – und er darf, ja er muss, ja er soll!

Genetic manipulation and DNA modification concept.

Nur auf dem Boden des Missbrauchs, des Mangels, des Scheiterns, des Sterbens

wird er gewahr, was auch zu Gebot ihm noch stünde. Und wenn auch nur

Einer nach vieltausend Jahren empor sich höbe zur frei er-

worbenen Einsicht der Einheit, dass alles mit allem vernetzt, ver-

bunden, verschmolzen, Vereinzelung Spiel und Zeit Fiktion – auch

dann hat sich alles gelohnt, das Leiden, der Schmerz, der Verlust, das

Unglück, das Unrecht, die Machtgier, das Morden, Lug und Betrug.

Bedenket, ihr Götter: Was wären wir ohne die Freiheit des Menschen?

Sind nicht auch unsere Rollen erst sinnreich im Spiel der in Freiheit

schaffenden, schöpfenden, schauderhaft irrenden, sterblichen Menschen?“

Eine winzige Ewigkeit herrschte vollendete Stille im

Saal, dann erhob sich Applaus, ein wachsendes Rauschen und Dröhnen, ein

Jubeln und Rufen, ein Klatschen und Stampfen, doch nochmals gebot der

Blitzeschleuderer Zeus, der erste Olympier Ruhe im

Saale, wandte den Blick Promethea zu und sprach die ge-

flügelten Worte: „Gehet hin, Pegasus, Promethea, ver-

kündet den Tieren und Menschen den Ratschluss der Götter: Euch ist die

Freiheit, das Feuer, die Klugheit jetzt und in Ewigkeit – bis zu dem

Tag, da ihr Menschen erkennt, was die anderen alle längst wissen:

Alles – ja, alles! – war einstmals dasselbe, zerfiel in die Vielheit der

Rollen, der Dinge, der Steine, der Meere, der Berge und Wälder, der

Blumen, der Tiere, der Menschen, der Götter – und wird wieder eins.

Fragen sie „wann?“ so sagt „in der Gegenwart, immer, im Hier und im

Jetzt, immer dann, immer dort, wo ihr’s fasst. Ihr erkennt es am Lachen.“

Sprach’s und winkte dem Hermes, die beiden zum Tor zu geleiten.

Promethea wusste nicht, wie ihr geschah. Wie in Trance erhob sie sich und sang das Lied, das schon immer in ihr geschlummert, das sie aber noch nie unter Menschen zu singen gewagt hatte, weil sie ahnte, dass nur Götter es verstehen würden. Es war das Lied von der Freiheit, alles und alle zu lieben. Schon nach wenigen Tönen griff Apollon zur Harfe und begleitete sie. Woher kannte er es? dachte sie während des Singens und musste innerlich lächeln, da sie auch nicht wusste, woher sie es kannte. Sie wurde singend immer mutiger, blickte von einem Gott zum andern und meinte, sogar das finstere Gesicht Poseidons sich aufhellen zu sehen, als sie die Strophe von den Fischen und allen Meerestieren sang.

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