Share this post on:

cam 15.10.2022

Ein paar unzeitgemässe Hinweise, wie man auch mit Kindern, Jugendlichen, Auszubildenden, Studenten umgehen, was man ihnen vermitteln könnte als Alternativen zu vorgefertigten ideologisch unterfütterten ‘Wahrheiten’, moralischen Gesinnungen und Haltungen. Das Reizwort ‘pädagogisch’ im Titel zielt auf die Bildungsanstalten in der Schweiz und anderswo, die sich gerade in rasantem Tempo von pluralistischen Kreativitäts- und Innovationszentren maximaler Denk- und Meinungsfreiheit zu monolithischen, radikal engstirnigen, doktrinären, intoleranten Gesinnungstempeln mit wachsendem Apartheids-Ambiente und zunehmend totalitären Zügen wandeln. Wenn ich meine 13 Empfehlungen an den Nachwuchs als ‘Mani-Fest’ bezeichne, dann soll ‘Mani’ nicht nur an einige Texte des legendären Troubadours Mani Matter erinnern, sondern auch an die Hände, mit denen die Thesen umgesetzt werden könnten, und daran, dass das prioritär empfohlene selber denken ein Fest ist. Ja ich gehe soweit, zu behaupten, dass Pädagogik sowieso immer auch ein Fest sein sollte. Das Corona-Theater, vielleicht sekundiert vom kommenden Kerzenwinter, zeigte ja, dass Schule, Universität, Ausbildung, ja überhaupt eine Arbeit zu haben nicht etwas dringend zu Marginalisierendes oder ganz Wegzuhabendes, sondern eine Chance, eine Errungenschaft um nicht – etwas gar pathetisch – zu sagen: eine Gnade ist. Auf jeden Fall Grund für einen Schuss Dankbarkeit und Feststimmung.

Angenommen, die Kids – und am liebsten auch alle die, die sie pädagogisch beglücken – würden mir zuhören, würde ich ihnen in etwa Folgendes erzählen:

Selber denken. Hinterfrage alles, auch was ich dir hier verzapfe. Nimm alles auseinander, glaube niemandem nichts, bevor du es nicht auf Herz und Nieren selbst überprüft hast. Teste deine Wahrnehmungsinterpretationen, Erkenntnisse, Schlüsse und Entscheidungen in der Praxis, im Gespräch, im Wettbewerb mit andern und sei immer bereit, weiter zu denken, zu recherchieren, neue Daten zu prüfen und deine Resultate immer wieder auf grösstmögliche Plausibilität zu prüfen und anzupassen, auch wenn du damit vielleicht liebgewonnene Irrtümer aufgeben musst. Freue dich, wenn du dabei zu anderen Schlüssen kommst als ich, aber auch als die Lautesten in deinem Umfeld, die selbstverliebten Grossmäuler, die ‘Influencer’, die Gesinnungs-Fahnenträger, die Mainstream-Laferis, die Zeitgeist-Fühler, weil damit die Gewissheit wächst, dass es wirklich deine eigenen Gedanken sind.

Angst ist zum Überwinden da. Lerne, akzeptiere und schmunzle darüber, dass ganze Branchen von der Angst leben und deshalb mit erstaunlicher Phantasie und unermüdlich Ängste erfinden, erzeugen, verbreiten, schüren, vergrössern. Nur schon für die Medien und die Politik kann es gar nie zuviel Angst, zuviele Verängstigte geben. Aber auch viele Unternehmen, Autoren und Dienstleister und im Speziellen die Anbieter religiöser und ideologischer Weltsichtpakete sind geradezu begeistert von der Maximierung der Angst. Denn Angstvolle lassen sich fast jeden Bären aufbinden, kaufen dir konkret und im übertragenen Sinne fast jeden Quark ab und trippeln hinterher, auch wenn du sie am Schluss elegant in den Abgrund schubst. Die beste Antwort ist, sowohl die Angstmacher wie die Angsthaber auszulachen und bestmöglich zu ignorieren, deine eigenen Ängste aber durchaus genau anzuschauen und eine nach der anderen abzubauen, zu überwinden mit Mut und Humor. Du wirst merken, dass es ein abenteuerreicher Weg ist und du mit jeder überwundenen Angst immer stärker, unabhängiger und fröhlicher wirst.

Denken vor Fühlen. Wenn du deine eigenen Gedanken sortierst oder dich mit anderen in Diskussionen und Debatten über Gedachtes austauschst, stell deine Gefühle und die der anderen hintan. Aber verschliess dich nie nüchtern geäusserten Argumenten, seien sie nur in deinem Kopf oder seien sie dir von aussen präsentiert, völlig unabhängig davon, ob sie auf Anhieb noch so fremd klingen und von wem auch immer sie kommen. Und hausiere nicht mit deinen Gefühlen, ausser du wirst danach gefragt.

Lügen entlarven. Begegne der Verbalsprache mit schmunzelndem Misstrauen, auch und bersonders deiner eigenen, und gehe davon aus, dass uns nie etwas Ungefärbtes erreicht, dass jede Interpretation von etwas Wahrgenommenem durch die subjektive Brille des Wahrnehmenden geht. Dazu gibt es haufenweise Anlass für alle Wahrnehmenden, dass sie aus politischen, ideologischen, religiösen, merkantilen oder auch nur sportbegeisterten Gründen nicht nur unbewusst von der eigenen Weltsicht Geprägtes, halbbewusst Geflunkertes, sondern ganz bewusst Verfälschtes, absichtlich Gelogenes in die Welt hinausposaunen. Aber letztlich ist es egal, ob die rund um dich Plappernden nur dumm oder auch hinterhältig sind, Hauptsache du behältst deinen Smile und hinterfragst alles gnadenlos, bis du der Lüge auf die Schliche kommst. Tu dies schmunzelnd, weil es gar nicht anders möglich ist und niemand Zugang zu ungefärbter oder gar absoluter Wahrheit hat – und weil die Lügerei nur schon deshalb so verbreitet ist, weil man einfach richtig viel Erfolg haben kann damit, fast soviel wie mit der Angstverbreitung.

Wissen ist Glauben. Das ist ein harter Brocken. Aber wenn du in die Geschichte der Wissenschaft tauchst, entdeckst du, dass alles, was je für todsicheres Wissen gehalten wurde, irgendwann überholt, falsifiziert, abgelöst, widerlegt wurde. Die Chancen stehen gut, dass das auch weiterhin so bleibt. Aber es lässt sich in Modellen durchaus gut experimentieren mit den vorläufigen Annahmen, die wir natürlich laufend nach grösster Plausibilität und Wahrscheinlichkeit selektionieren. Solange wir nie meinen, wir hätten die absolute und ewige Wahrheit gefunden und offen bleiben für neue Erkenntnisse, die sicher Geglaubtes über den Haufen werfen, klappt das gut. Aber die Überheblichkeit, über gesichertes Wissen zu verfügen gegenüber den Dummies, die einfach an ihre Behauptungen glaubten, müssen wir uns abschminken. Alle Wissenschaftsdisziplinen, auch die, die sich so gern als ‘exakt’ bezeichnen, basieren auf nicht weiter hinterfragten, also unbewiesenen Axiomen, auf Grundannahmen, die immer mal wieder pulverisiert werden – wie z.B. das ‘kausal geschlossene Universum’, das durch die Quantenphysik erschüttert wurde. Denk an die Vorstellung der Erde als Scheibe oder an das geozentrische Weltbild, in dem sich alles um unseren Planeten zu drehen schien. Könnte es nicht sein, dass auch das ähnlich eitle Weltbild mit dem Menschen als ‘Krone der Schöpfung’, um den sich alles dreht und der nur von oben herab über seine ‘Umwelt’ labert, die er sich aus reinem Machtkalkül und Überlebenstrieb erhalten will, sich langsam als überholt erweisen könnte?

Schwarz-Weiss ist für Dummies. Nimm Abschied von der für Kleinkinder und andere Denk-Einsteiger durchaus brauchbaren binären Unterteilung alles Wahrgenommenen in ‘Gut und Böse’, ‘Richtig und Falsch’, ‘Krieg und Frieden’, ‘Hell und Dunkel’, ‘Schwarz und Weiss’. Klar, in menschengemachten Modellen kann man die Vielfalt und die Abstufungen und Differenzierungen durchaus in gewissen Aspekten auf eine Zweiteilung reduzieren. So gibt es im Schach nur schwarze und weisse Figuren – und trotzdem ist das Spiel spannend und in der Palette der möglichen Spielzüge wieder hochdifferenziert. Aber die partielle Reduktion auf auf Zweiteilung muss gut begründet und effizient sein wie beim binären Mechanismus digitaler Geräte auf Null und Eins, die ja die gigantische Vielfalt digitaler Applikationen erst ermöglicht. Kriterium ist also, ob eine Reduktion auf Zweiteilung der Vielfalt nützt, sie stützt oder sie zu negieren versucht wie die aktuelle rassistische Tendenz, People of Color pauschal positiv, Hellhäutige pauschal negativ zu bewerten – eine genauso dumme Reduktion wie die gegenteilige, die bis vor kurzem vor allem in den USA herrschte.

Nix als Vorurteile! Mach dich vertraut mit der für Schwache und Unsichere leicht bitter schmeckenden Einsicht, dass wir nichts Besseres haben als Vorurteile, vorläufige Einschätzungen, Annahmen, Prognosen, Extrapoliertes aus Erlebtem, Mitgeteiltem, Angelesenem, Gelerntem; dass das aber kein unüberwindbares Problem ist, solange wir uns der Vorläufigkeit unserer Wahrnehmungs-interpretationen bewusst sind. Wir brauchen ja irgendwas zum Überleben und Funktionieren, also müssen wir ständig mit den uns gerade am plausibelsten erscheinenden Vorurteilen rumexperimentieren, sie auf ihre Praxistauglichkeit prüfen und ständig nach etwas besseren Vorurteilen Ausschau halten. Sogar die als endgültig und rechtskräftig bezeichneten Urteile in der Justiz sind immer nur Vorurteile. Wir erkennen es am besten an den vielen Rechtsirrtümern und an den Urteilen, die in Diktaturen und anderen Unrechtsstaaten gefällt wurden und werden.

Andere Köpfe besuchen. Lasse andere anders sein. Ohne sie umpolen zu wollen oder dich umpolen zu lassen. Wenn jeder verständlicherweise und zu Recht die Welt anders sieht, sind Besuche in anderen Köpfen abenteuerlich und spannend. Es geht dabei nicht darum, den anderen von den Vorzügen unserer Sichtweise zu überzeugen, sondern zuerst einmal, seine Sichtweise kennenzulernen, sorgfältig zu prüfen und allenfalls Korrekturen an der eigenen Sicht vorzunehmen.

Zwangsmassnahmen anstelle von Argumenten sind was für Dumme und Schwache. Übe keinen Zwang aus, um andere zu bekehren, zu deiner Sichtweise zu vergewaltigen durch Androhung oder Ausübung sozialer, psychischer, mentaler oder physischer Gewalt. Es ist bei aller Gefährlichkeit vor allem hochgradig lächerlich und ein Eingeständnis eigener Dummheit und Rückständigkeit. Lasse dich selbst aber auch zu keiner Sichtweise, keiner Gesinnung, keiner Haltung zwingen.

Notwehr gegen Zwang und Gewalt ist ok. Wenn es dir nicht mehr möglich ist, dem, der gegen dich Zwang und Gewalt anwenden will, aus dem Weg zu gehen, setze dich zur Wehr. Notwehr ist erlaubt, wenn nötig auch unter Androhung und Anwendung von Gewalt. Nutze all deine Möglichkeiten, deine Intelligenz, deine Schnelligkeit, deine Kraft, deine Waffen, deinen Mut. Bereite dich darauf vor. Es reicht nicht, sich wehren zu wollen. Man muss es auch können. Wehrhaftigkeit ist ansteckend, motiviert andere Kids, sich ebenfalls zu wehren, und verschafft euch Respekt.

Kein A-priori-Respekt vor Autoritäten. Gehorche nie blind, ohne die Anweisungen zu hinterfragen, nur weil die Person, die deinen Gehorsam verlangt, dein Vater, deine Mutter, dein Lehrer, dein Trainer, dein Arbeitgeber, dein Vorgesetzter in Beruf oder sonstwo ist – oder weil er irgendeine öffentliche Funktion innehat. Verlange immer eine rationale Begründung und eine Legitimation dessen, der etwas von dir fordert. Und wenn dich beides nicht überzeugt, gehorche nicht und trag die Konsequenzen des Ungehorsams. So behältst du deine Würde.

Nicht mit der Meute heulen. Auch wenn du gefühlsmässig überzeugt bist, dass das Kollektiv, in dem du dich gerade tummelst, in die goldrichtige und dir entsprechende Richtung unterwegs ist: Hinterfrage es trotzdem, prüfe es und sei gnadenlos streng mit dir: Machst du nur mit, weil es so bequem ist, so konfliktfrei und reibungsarm? Weil du dank Mitheulen Anerkennung erhältst von deinem Kollektiv? Weil es dir Orientierung gibt und Schutz gewährt? Weil du so die Verantwortung für dein Denken und Tun nicht selbst und allein tragen musst?

Moralisten auslachen. Lache alle aus, die mit Pathos und angemasster moralischer Überlegenheit dir einzubläuen versuchen, was du zu denken, zu fühlen, zu sagen, zu schreiben, zu essen, wie du dich zu bewegen, wie du zu wohnen, überhaupt wie du zu leben habest, um zu den ‘Guten’, den ‘Gläubigen’, den ‘Besseren’, den ‘Auserwählten’ zu gehören. Auslachen ist das, was sie am wenigsten vertragen und womit du sie am besten in die Flucht schlägst.

Share this post on:

2 Comments

  1. Avatar marpa

    Plaen Andrea

    Hallo Christoph
    Ich eriehe meine Kinder so, dass Sie sehr selbstständig sind, nicht immer auf mich angewiesen. Sie müssen ehrlich sein und auch einstecken können, Fair und Ehrlich das erwarte ich. Ängste wenn immer möglich selber überwinden aber Sie wissen Ich bin da. Selbstverantwortung, Selbstbewusstsein und Fairness egal wie und wo und wann, das sind meine Anforderungen. Bis jetzt bin ich so gut unterwegs.
    Eltern sind das Vorbild. Sie die Kopie.
    Somit habe ich Dir mein Input nur Ansatzweise mitgeteilt, das Thema ist „big“
    Lieber Gruss
    Andrea

    • Avatar marpa

      Danke, liebe Andrea. Ganz wichtig finde ich deinen Support bei der Angstüberwindung: die Kinder wissen, du bist da – das motiviert riesig, wenn es vielleicht mal darum geht, eine kleine Spinne in die Hand zu nehmen oder vom 3-Meter ins Wasser zu springen 🙂

Comments are closed.