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„He, hast du schon mal DAS Pferd, DEN Menschen, DIE Kuh oder DEN Hund gesehen? – me not, sorry 🙁 „

Ein gerade viral gehendes Modewort ist die ‘Wohlfühltemperatur’, ein Begriff, der sich für dummen Smalltalk in der Badi eignet, aber nicht für ernst zu nehmende Aussagen, schon gar nicht über Pferde. Denn ‘wohlfühlen’ ist, wie das Verb sagt, ein Fühlen, ein subjektives, nicht objektivierbares Gefühl. Ich kenne keine zwei Menschen, denen es im gleichen Setting – und dazu gehört die Umgebungstemperatur – gleichermassen wohl ist. Ich liebe Temperaturen über 30 Grad und komme richtig auf Touren. Im Winter hingegen trage ich oft sechs bis sieben Schichten Pullover und Jacken übereinander und begegne meinem Nachbarn, der auch bei Minusgraden in kurzen Hosen, kurzärmligem Shirt und Flipflops rauskommt. Tante Frieda hingegen hat eine Wohlfühltemperatur-spanne von gerade mal 2 Grad: Unter 20 wird die Heizung angeworfen, über 22 die Klimaanlage. – Jegliches Geschwätz über ‚Wohlfühltemperaturen‘, ob bei Mensch oder Pferd, ist deshalb meines Erachtens nicht mehr als das: Geschwätz.

In Namibia lebt eine kleine wildlebende Pferdepopulation von 90 bis 150 Tiere in den Ebenen um Garub und trotzt Temperaturen von über 45 °C am Tag und Frostgrenzen in der Nacht (Foto Pixabay, Sonse)

Interessant ist hingegen die wissenschaftlich rege erforschte Frage, was Tiere – und der Mensch ist ja auch nichts anderes als ein zweibeiniges Säugetier – unter welchen klimatischen Bedingungen, in welchem Fitnesszustand leisten, wie schnell sie sich an wechselnde Bedingungen anpassen und wo auf der Welt sie überleben können, wie sie sich physiologisch ausrüsten bzw. von der Evolution ausgerüstet wurden, und mit welchen Methoden sie sich gegen Kälte, Hitze, Nässe, Trockenheit, Wasser- und Futterknappheit wappnen. Die Extreme bezüglich Temperaturverträglichkeit von Pferden sind auf den beiden Fotos gut zu sehen: die namibischen Wüstenpferde, von denen nicht klar ist, ob sie sich aus verwilderten Hauspferden, abgehauenen Kavalleriepferden zu freilebenden Wildpferden entwickelt haben, trotzen Temperaturen bis 45 Grad. Sie haben auf Nachtaktivität umgestellt und ihren Wasserbedarf drastisch gesenkt bis zu Trinkintervallen im Sommer von 30 Stunden. Sie schwitzen viel weniger als europäische Pferde und bewegen sich tagsüber fast nicht.

Jakutenpferde in Nordsibirien überleben bei Temperaturen von bis zu minus 70 Grad. Der interessante Artikel dazu auf propferd.at:https://www.propferd.at/main.asp?VID=1&kat1=87&kat2=644&NID=7315&scsqs=1

   Die Jakutenpferde in Nordsibirien hingegen trotzen Minustemperaturen bis zu 70 Grad. Sie haben ein extrem dichtes und langes Winterfell und sind fähig, ihren Stoffwechsel auf die jeweilige Jahreszeit abzustimmen. Sie sammeln im Herbst grosse Fettreserven an, senken im Winter den Stoffwechsel ab. Im Frühling wird der Kohlenhydrat-Stoffwechsel wieder deutlich erhöht, sobald sie frisches Gras fressen können. Darüber hinaus können Jakutenpferde Erfrierungen bei extremen Minusgraden vermeiden, indem sie das Volumen des zirkulierenden Blutes verringern.

Pà ist ein Isländer, der nicht ganz dem Klischee entspricht…

Dies auf die Schnelle zur Stützung meiner These, dass Pferde einzigartige Individuen sind und dass Verallgemeinerungen, Aussagen über DAS Pferd, also über alle zur Kategorie der Equiden gezählten Entitäten, höchstens tauglich sind, um einem ET, einem Kleinkind oder einem Städter ganz grob den Unterschied zu einer Kuh oder einem Steinbock zu erklären. Wobei: versucht es mal. So einfach ist es gar nicht! Du beginnst z.B. mit „Pferde haben keine Hörner!“ Der Städter schaut verdutzt und zeigt auf die hornlosen Kühe. „Pferde sind keine Milchlieferanten wie die Kühe!“ Der fiese Städter fragt die KI auf seinem Smartphone und erfährt, dass Stutenmilch durchaus ein recht teuer verkauftes Produkt ist. „Das Pferd klettert nicht in den Alpen herum!“ Der brave Städter hat den Kavallo gelesen und weiss, dass der verrückte Bruno Kalt genau das dauernd tut: über alle Alpenpässe klettern mit den Pferden. Ihr landet schon bald bei physiologischen Details, zeigt vielleicht auf die Hufe bzw. die gespaltenen Klauen der Kuh und die spreizbaren Hufe des Steinbocks, haltet einen schwer verständlichen Vortrag über die unterschiedlichen Verdauungssysteme – oder ihr versucht, die Unterschiede der Lebensräume und der Nutzung genauer zu schildern.

(Foto Pixabay, Franz Schabreiter)

Aber innerhalb der Rösselergemeinde können wir sofort auf ‘delete’ klicken bzw. weiterblättern, wenn irgendein selbsternannter Experte uns etwas über DAS Pferd verzapfen will. Bringt ein Jakutenpferd nach Namibia und ein Wüstenpferd nach Nordsibirien, für beide am neuen Ort wohl keine ‘Wohlfühl-‘, ja nicht mal Überlebenstemperaturen.

   Jedes Pferd ist ein einzigartiges Individuum, eine Persönlichkeit mit eigenen Vorlieben, Bedürfnissen, eigenem Charakter. Unterbegriffe wie Rassenzugehörigkeit, Vollblutanteil, Klima- und Kulturraum, in dem es lebt, Zuchtbedingungen, Ausbildung, Nutzung helfen, uns dem Einzelwesen etwas anzunähern, aber das konkrete Pferd, das vor uns steht und mit dem wir Abenteuer erleben möchten, erklären auch all diese Informationen noch lange nicht.

(Foto Pixabay, Studio 10-27)

Bevor ihr jetzt also hochbesorgt eurem Araber Hitzeferien verordnet, nur noch um Mitternacht zu Fuss spazieren geht mit eurem knatterfiten Rössli, bis es euch auf die Füsse tritt oder in den Strassengraben schmeisst, weil doch irgendwer behauptet hat, es fühle sich nur zwischen 5 und 25 Grad wohl und – auch ein unsäglich dummer Modespruch, Pferde würden 10x schneller überhitzen als Menschen – schaut euer Gegenüber genau an, unterhaltet euch mit ihm. Weiss denn irgendwer auf der Welt, wann, bei welcher Dauer wieviel Grad ausgesetzt, alle Menschen ‘überhitzen’? Das würde ja bedeuten, dass ein hochtrainierter Marathonläufer gleich schnell wegen Überhitzung ins Koma fällt wie ein übergewichtiger, untrainierter, besoffener Greis? Genauso dumm ist es, alle Pferde als gleichermassen überhitzungsanfällig zu bezeichnen und dann noch die wilde, völlig aus der Luft gegriffene Zahl von ‘10x schneller als der Mensch’ dazu zu kleben.

Man kann ja ‘Sommertenu’ erlauben im Training – und die Pferde ausgiebig duschen nach der Arbeit (Foto privat)

   Mein Tipp: nehmt nie eine Aussage ernst, die alle Pferde – oder auch alle Menschen, Hunde, Kamele – in denselben Topf wirft, auch nicht im Bereich Fütterung, Haltung, Leistungsanforderung und Sporteinsatz. Ich werde den Verdacht nicht los, dass Leute, die solchen Unsinn erzählen wie den von der ‘Wohlfühltemperatur’ von Pferden, davon träumen, dass wir alle nur noch mit einem Steckenpferdchen zwischen den Beinen Kleinkinderspiele wie Hobby Horsing treiben. Wenn wir in Dialog treten mit unseren Pferden, uns täglich bemühen, sie lesen zu lernen, zeigen sie uns meist ganz klar, was ihnen etwas Hitze oder Kälte ausmacht, ob und wieviel sie leisten möchten. Das darf durchaus auch bei den eigenen Pferden unterschiedlich sein. Und es ist in fast allen Fällen mehr, als sich besorgt gebende, oft auch etwas bequeme Pferdebesitzerinnen unter Verweis auf ‘Experten’ selbst zu leisten bereit sind.

Der 19-jährige Easyman zeigt sich bewegungsfreudig wie immer, auch bei 30 Grad (privat)

   Unvergesslich, wie einige Top-Pferde unterschiedlich reagierten, als bei den OS Hongkong erstmals zwei Springen stattfanden am letzten Tag der Vielseitigkeit, um nicht für eine Leistung sowohl Team- wie Einzelmedaillen zu vergeben. Das zweite Springen fand abends bei Licht statt. Reiter, die dies mit ihren Pferden zuhause nicht geübt hatten, bekundeten teils Mühe, sie zu motivieren. Obwohl topfite Spitzensportler verhielten sie sich teilweise wie Angestellte, die zur Unzeit aufgeboten wurden. Seither trainieren das alle Teams im Vorfeld. Damit ist ein weiterer Punkt angesprochen: die Angewöhnung, die Trainierbarkeit des Umgangs mit veränderten Verhältnissen, z.B. hohen oder tiefen Aussentemperaturen. Tante Frieda stirbt auch ohne Klimaanlage nicht bei 23 Grad, und ich überlebe bei minus 10 auch mit nur 5 statt 6 Schichten. Genauso können wir unsere Pferde gezielt an Hitze gewöhnen. Jedes gemäss seinen Voraussetzungen, seiner Fitness, seiner Leistungsbereitschaft – auch das ist ein spannendes Abenteuer, weil alle so verschieden, so einzigartig sind. Schaut euch die besten Paare und Züge an in Aachen, locker, entspannt. Denn sie wissen, was sie tun, sind bestens vorbereitet und kommunizieren mit ihren Pferden in jeder Sekunde ihres Auftritts.

Estelle Wettstein mit Quaterboy eröffnete die Weltreiterspiele in Aachen am 11.8.26 für die Schweiz (Videostill Clipmyhorse)

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