Schweizer sein umschreibt ein Abstraktum, also gar nichts. Der Begriff muss mit Inhalt gefüllt werden, wenn er denn eine Bedeutung haben soll. Die Vorgaben für diesen Inhalt sind klar, aber weitgehend in Vergessenheit geraten, so dass es – ziemlich offensichtlich – die Schweizer als Kultur gar nicht mehr gibt, jedenfalls im Mainstream kaum mehr spürbar. Was braucht es für eine Schweiz? Es braucht Schweizerinnen und Schweizer. Und was zeichnet die aus? Demokratie und Geldgottvertauen.
Ein Gastbeitrag von Matthyas Arter, Meilen
Demokratie ist auch eine leere Worthülse und zu allerlei Schindluderei zu missbrauchen, was ja auch getan wird. Für die Schweiz als wesentlicher Beitrag zu Identitätsgestaltung ist weniger das Wort Demokratie als vielmehr Demokratieverständnis von eminenter Bedeutung. Dieses Demokratieverständnis wurde über Jahrhunderte gepflegt nach dem Satz von Jeremias Gotthelf: „Im Hause (gemeint ist die Familie) muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland“. Das bedeutet nichts geringeres, als bereits in der Familie Demokratie und nicht das Patriarchat gelebt werden muss, wenn übergeordnete Gemeinschaften nach demselben Prinzip leben sollen. Demokratie heisst in diesem Zusammenhang, dass jeder von Kindsbeinen auf daran gewöhnt werden muss, dass auch seine Stimme gleichwertig gehört wird und letztlich der Mehrheitsbeschluss gilt. Nicht der Vater hat das Sagen, sondern die Mehrheit. Der Vater und die Mutter haben Kraft ihrer Autorität mehr Gewicht, aber entsprechend auch mehr Verantwortung für das Wohlergehen der Schwächeren.
Ein Ideal, dem nur ansatzweise nachgelebt werden kann, sich aber im Bemühen darum eine erspriessliche Gemeinschaft bilden kann. Der Vorteil dieses Gemeinschaftsverständnisses ist, dass niemand überhört wird. Das Problem dieses Gemeinschaftsverständnisses ist, dass es nicht beliebig ausgeweitet werden kann, weil es bedingungslose Zugehörigkeit fordert und die nicht von allen geleistet werden kann, aber genau das ist, was auch Gottfried Keller von einem Schweizer forderte: Jeder Bürger soll Verantwortung in der Gemeinschaft übernehmen und zwar im gemeinsamen Glauben an Freiheit und Unabhängigkeit.
Gemeint ist damit Selbstverantwortung und Eigenständigkeit, was nicht weniger heisst, als dass nur mitmachen kann, wer die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft nicht als Beeinträchtigung seiner persönlichen Freiheit empfindet. Auf den ersten Blick ein veraltetes und überidealisiertes Verständnis in einer Zeit, da Gemeinschaft am liebsten nur noch mit Weltbürgertum gleich gesetzt wird. Ein alter Zopf also, der abgeschnitten gehört? Schluss mit dieser exklusiven Form der Demokratie, die sich schon fast wie eine lebenslängliche Ordensbruderschaft anfühlt? Ja, auf den Misthaufen der Geschichte damit, wenn da nicht ein kleiner Haken wäre. Was ist eine Gemeinschaft ohne Ausschlusskriterien? Eine offene Gesellschaft. Eine Gesellschaft in welcher alle für alles, aber niemand für etwas verantwortlich ist. Das aber verhindert jede Art von Identität auf Gemeinschaftsebene mit entsprechender Eigenverantwortung. Die Folge davon ist eine egoistische, gierbasierte Gesellschaft, für welche sich einzusetzen keine Motivation besteht, weil es unmöglich ist, sich zugehörig zu fühlen, während andere schamlos profitieren und der Einzelne gar nicht gefragt wird, ob er das gut findet, also auch die Mehrheit dagegen sein kann, ohne dass sich etwas ändert.
Natürlich ist die Gemeinschaft mit einem ausgeprägten Demokratieverständnis wie es in der Schweiz angedacht wurde nicht die einzige Staatsform, welche eine Gemeinschaft definiert.
Ein guter oder schlechter König, Tyrann oder eine Amazone oder ein sonstwie geartetes Ideal kann den Boden für eine Gemeinschaft bilden. Was allerdings auf der Strecke bleibt, ist die Eigenverantwortung gegenüber der Gemeinschaft. Ist ja nicht so schlimm, könnte man meinen. Es gibt auch andere prosperierende Gesellschaftsformen. Der Unterschied liegt in der Stossrichtung. Die Demokratie nach dem Schweizer Modell wirkt von unten nach oben. Jeder Schweizer ist nach der Theorie verantwortlich für die freie Entfaltung eines jeden unter Berücksichtigung der kollektiv beschlossenen Einschränkungen, welche ein kreatives Zusammenleben ohne grösseren Kollateralschaden überhaupt ermöglichen. Also ein Minimum an gesetzlichen Einschränkungen und ein Maximum an verantwortungsvoller Selbstentfaltung. Die anderen Staatsformen beinhalten immer ein Mehr an Regulierung und Einschränkung von Oben nach Unten. Und das bedeutet, man gehört auch dazu, wenn man nicht dazu gehören will. Wächter und Gefangene teilen sich den Knast mit unterschiedlichen Aufgaben, wie Friedrich Dürrenmatt frei übersetzt feststellte.
Die autonome, unabhängige Selbstverwaltung, wie sie die Schweiz in der Verfassung konstituiert, wäre eine Möglichkeit unter vielen, wenn da nicht ein entscheidender Faktor mitspielen würde und wahrscheinlich wesentlich ist für die Tatsache, dass ausgerechnet die Schweiz die direkte Demokratie erfunden hat: Die Schweiz war über Jahrhunderte kinderreich und mausarm. Soziale Verantwortung und Weltoffenheit wurde jedem sozusagen in die Wiege gelegt.
Ohne Gott- und Selbstvertrauen wurde in der Schweiz niemand alt. Ihrer Hände Arbeit im kargen Boden und die stets drohende Not weckte schöpferische Kräfte und produktive Arbeit, Ingredienzen, die den Unterschied zwischen Armut und Reichtum ausmachen, wenn keine Quelle zur Verfügung steht, die nach Gold, Erdöl, Gas oder anderen Rohstoffen riecht.
Menschengemachter Reichtum entsteht durch die Kreation von Produkten und Dienstleistungen, deren Erbringung weniger kostet als der Markt bereit ist, dafür zu bezahlen. Der freie Markt notabene. Produkte, die gekauft werden müssen, also beispielsweise Krankenkassenprämien oder Pensionskassenbeiträge schaffen keinen Reichtum, sondern lediglich Umverteilung. Auch der Kinderhort steigert zwar das Bruttosozialprodukt, weil Leistungen, welche zuvor die Mutter erbrachte, nun gegen Lohnzahlung durch Angestellte erbracht werden, aber eine produktive Wertschöpfung ist das nicht, sondern lediglich eine Monetarisierung von Leistungen ausserhalb des freien Marktes. Anders verhält es sich natürlich, wenn die Mütter oder Väter in wertschöpfenden Arbeiten aktiv sein können und einen Teil ihrer Wertschöpfung für Kinderbetreuung abgeben.
Die Unterscheidung von Wertschöpfung und Umverteilung ist nicht offensichtlich. Sie kann ökonomisch unterschiedlich definiert werden und bleibt doch unscharf und ungenügend. Das hat damit zu tun, dass Wertschöpfung eine durch und durch psychische Basis voraussetzt, welche höchst individuell ist und lediglich auf Wertvorstellungen basiert, die zu allem Überdruss auch noch täglich ändern können. Kurz gesagt, es gibt überhaupt keine brauchbare Methode, um echte Wertschöpfung im wirtschaftlichen Sinne von Umverteilung im Sinne von Raub eindeutig zu unterscheiden. Der Schweizer zeichnet sich nun aber eben gerade dadurch aus, dass er historisch auf wertschöpfende Arbeit setzte und dem Raub entsprechend eine untergeordnete Bedeutung gab – nicht zuletzt, weil es nicht viel zu rauben gab. Dies begünstigt das, was als zweite Qualität der Schweizer mit Geldgottvertrauen bezeichnet werden kann. Dieser Glaube ist so tief verankert, dass jeder Fünflieber mit dieser Weisheit geprägt ist. Auf dem Rand der Münze ist zu lesen: „Dominus providebit“, zu Deutsch, „der Herr wird es richten“. Anders ausgedrückt: Der Wert des Geldes ist nicht von dieser Welt. Es gibt keinen realen Wert. Es gibt nur kollektive Wertvorstellungen einer Gemeinschaft, die im Glauben an ihr Geld demselben eine Kaufkraft geben, die trägt, sofern Güter dafür vorhanden sind, die zu kaufen dem Einzelnen nützlich scheint. Geld als Hilfsmittel für den Warentausch, verbunden mit dem festen Glauben, dass das Geld von heute auch die Güter von morgen kauft. Das kann niemand garantieren, darum soll der Herr es richten. Stellvertretend für den Herrn steht die Nationalbank, deren einzige und alleinige Aufgabe es wäre, die Kaufkraftstabilität des Frankens zu gewährleisten. Das bedeutet, dafür zu sorgen, dass die Besitzer von Schweizer Franken das Vertrauen in die Vorstellung, dass der Franken einen Wert repräsentiert, nicht verliert. Ja, richtig gelesen, der Franken hat keinen Wert, er repräsentiert einen Wert, wenn alle, die den Franken akzeptieren, an der Vorstellung festhalten, dass sich damit auch etwas kaufen lässt. Das gilt auch für den Euro oder für den Dollar, auf welchem auch nicht zufällig steht „IN GOD WE TRUST“.
Was nun den Franken insbesondere vom Euro unterscheidet, ist der Umstand, dass die Willensnation Schweiz eine reiche Tradition entwickelte, sowohl an ihre Staatsform, die direkte Demokratie, als auch an die Vorstellung, dass der Schweizer Franken einen soliden Wert repräsentiert, felsenfest zu glauben. Der Euro hingegen ist das exakte Gegenteil in dem Sinne, als die Untertanen dieser von oben verordneten Vorstellung, der Euro repräsentiere einen Wert, von Amtes wegen und mangels Alternativen glauben müssen. Interessant ist die Frage, warum dies gelingt. Wie können Menschen gezwungen werden, an die stabile Repräsentanz eines Wertes einer Währung zu glauben, die schon nach fünfundzwanzig Jahren auf die Hälfte des vorgestellten Wertes geschrumpft ist. Die Antwort ist ebenso simpel wie schockierend. Es genügt, den EU-Bürgern das Gefühl zu geben, es sei erstrebenswert, Euros zu bekommen. Und die Methode ist einfach, es muss für die Masse schwierig sein, an das begehrte Objekt zu kommen. Das gelingt am besten, wenn die Mehrheit leicht und stabil verarmt, während die Elite immer mehr Euros und damit zusätzliche Kaufkraft zur Verfügung hat, was zur Folge hat, dass die welche weniger haben, mehr davon bekommen möchten und entsprechend wie Süchtige von der Vorstellung besessen sind, mit Euros liesse sich das Leben leichter leben. Natürlich führt dieses Konzept längerfristig in den wirtschaftlichen Ruin, weil dem Raub viel grösseres Gewicht gegeben wird als der schöpferischen wirtschaftlichen Wertschöpfung. Der Ausgang aus diesem Teufelskreis ist die wirtschaftliche Pleite, überdeckt mit der Flucht in den unausweichlichen Krieg zwecks Vertuschung der ganzen Misere.
Anders verhält es sich dort, wo die wirtschaftliche Wertschöpfung auf der Basis direktdemokratischer Gemeinschaft optimal gefördert und der Umverteilungsraub minimalisiert werden kann.
Ein Schweizer ist entsprechend jemand, der im Rahmen basisdemokratischer Strukturen dem Staat die Aufgaben überlässt, welche im Interesse aller kollektiv geregelt werden müssen und den restlichen Freiraum möglichst gross und dem freien Unternehmertum überlässt. Des Weiteren verbietet sich der Schweizer jede Art von spekulativer Geldtransaktion und beschränkt sich auf die kaufkraftstabile Begleichung der Rechnungen für den Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Keine Staatsverschuldung, keine staatlich alimentierte Wohltätigkeit, sondern Eigenverantwortung und individuelle Barmherzigkeit, welche einstmals auf der Hunderter Note durch den mit dem Schwert geteilten Mantel des barmherzigen Samariters symbolisiert wurde.
Das also wäre ein Schweizer. Alle andern sind Räuber an der Gemeinschaft. Deren Zahl ist ins Unermessliche gestiegen. Die einstmaligen Tugenden des armen Alpenlandes sind in weiten Teilen kaum mehr und in den Städten schon gar nicht mehr vorhanden. Sie sind da und dort noch im Keim vorhanden, aber überdeckt durch einen falsch verstandenen Wohlstand. Die Schweiz gilt als Land mit den grössten Vermögenswerten, aber nur, weil heute Immobilien zu Preisen jenseits von jeder Marktrealität gehandelt werden. Nicht zuletzt, um das Spiel des künstlichen Mangels zu spielen, welches die Menschen so leicht gierig nach Geld macht, welches Sie mit einem realen Wert verwechseln, den Geld nicht hat, sondern nur repräsentiert, wenn den auch etwas hergestellt wird, was sich verkaufen lässt, also sich zu kaufen lohnt.